Familie

Briefe aus der Vergangenheit – wenn Kinder ihren Müttern schreiben

Briefe von Kindern haben es in sich.

Den Haushalt der eigenen Eltern aufzulösen ist eine unglaublich emotionale Angelegenheit. Jeder Griff in ein Regal oder eine Schublade ist ein Griff in die Vergangenheit. In jeder Ecke stößt man auf wichtige Dokumente, Erinnerungen und viel zu viel Staub. Eine liebe Freundin, hat diese Erfahrung schon vor einer ganzen Weile gemacht. Einige Kisten mit Dokumenten hatte sie damals in Umzugskartons verpackt und im eigenen Keller gerettet. Nichts sollte ungesehen verschwinden. An einem ihrer freien Tage öffnete sie eine der Kisten und fand darin unzählige Briefe. Sie war fassungslos und weil wir sehr, sehr lange befreundet sind, schickte sie mir Fotos von den Briefen. Jeden einzelnen hatte sie als Kind und Jugendliche ihrer Mutter geschrieben.

Jede Zeile ein Treffer

„Liebe Mami! Es tut mir unsagbar leid, dass ich Dich aufgeweckt habe. Das wollte ich wirklich nicht. Ich wollte auch gar nicht so viel husten und schon gar nicht brechen aber es kam einfach so. Ich war sooo glücklich, dass Du in meinem Bett schlafen wolltest aber das Husten hat alles kaputt gemacht. Jetzt, wo Du weg bist, huste ich gar nicht mehr. Ist das nicht gemein? Ich wünsche Dir eine schöne Nacht. Ich werde wach bleiben. Ich liebe Dich. Gute Nacht. Deine kleine . . .“

Wenn Kinder ihren Müttern schreiben.

Diesen Brief hat meine Freundin ihrer Mutter vor mehr als 20 Jahren geschrieben.

Puuh, ich war nicht vorbereitet, als mich dieser Brief per WhatsApp erreichte. Die Tochter aber auch die Mutter in mir hätte spontan losheulen können.

Ganz wichtig: Geschrieben hat nicht etwa ein vernachlässigtes Kind. Die Zeilen hat vor fast 30 Jahren ein Mädchen verfasst, das von seiner Mutter unglaublich geliebt wurde. Es sind die Zeilen eines Kindes an eine alleinerziehende Mutter. Eine Frau, die sich überschlagen hat, um ihre Tochter nicht nur zu versorgen sondern zu verwöhnen. Einer Frau, die Nächte durcharbeitete, damit der eigene Betrieb gut lief. Sie war zärtliche Powerfrau. Großzügig und herzlich – aber auch immer beschäftigt und unter Druck.

Ich erinnere mich genau

Seit Wochen geht mir der Brief nicht aus dem Kopf. So etwas hätte ich damals auch meiner Mutter schreiben können. Die Tochter in mir erinnert sich noch ganz genau, wie das als Kind war: Kranksein war einfach nicht drin. Unsere Mütter ließen uns immer wieder wissen: Der Job hat Priorität. Wenn sie kein Geld nach Hause brachten, tat es schließlich auch kein anderer. Uns Kindern war deshalb klar: Wir mussten funktionieren und auch mal die Zähne zusammenbeißen. Unsere Mütter waren stolz darauf, dass sie nicht schlapp machten, sich durch- und nach oben kämpften und sich wirklich nie krank meldeten. Vor Chefs und Kunden kamen unsere Mütter wie die absoluten Powerfrauen rüber: „Die ist alleinerziehend aber man merkt ihr das nicht an . . .“ (Dieses Anforderungsprofil kennen übrigens auch andere berufstätige Mütter).

Doch ohne Hilfe hätten unsere Mütter es nicht gepackt. Großeltern, Kinderfrauen und Babysitter sprangen ein, wenn wir Kinder im Kampf gegen Kindergarten-Bazillen und Viren schwächelten. Von ihnen wurden wir gehegt und gepflegt. Wir waren tapfer aber unsere Mamas fehlten. Als Kind hatte mein Körper deshalb irgendwann eine ganz einfache Lösung: Ich wurde nur noch in den Ferien krank. Jedes Jahr und zwar richtig. Endlich hatte ich meine Mama um mich. Sie kuschelte im Bett mit mir, gab mir Medikamente, machte mir Umschläge und kochte Lieblingsessen für mich. Dann war ich krank aber „sooo glücklich“. Ich hatte eben die beste Mutter.

Lieber Sohn, bitte schick mir nie solche Briefe!

Die Mom in mir liest die Zeilen und denkt: Ich möchte NIEMALS einen solchen Brief von meinem Sohn bekommen. Wie sehr müssen die Briefe die Mutter meiner Freundin beeindruckt, getroffen und verletzt haben? Immerhin hatte sie jeden kleinen Schnipsel, jeden seitenlangen Brief über 20 Jahre lang im Keller aufbewahrt. Wahrscheinlich taten ihr die Entschuldigungen („Mama, bitte nimm Dir nicht immer so zu Herzen, was ich Dir an den Kopf werfe“) und Versprechen ihrer Kleinen manchmal gut. So sah sie schließlich, dass all ihre Bemühungen zumindest zur Kenntnis genommen wurden. Aber wahrscheinlich quälte sie oft auch das schlechte Gewissen, wenn ihr Kind ihr mehr oder weniger direkt Vorwürfe machte. Wahrscheinlich fühlte sie sich manchmal einfach nur unsagbar alleine, unverstanden und überfordert.

Ich stehe heute zwischen meiner alleinerziehenden Mutter und meinem Sohn. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben mich irgendwie feinfühlig für beide Seiten gemacht. Ich bin unglaublich stolz auf meine Mutter. Ich kann verstehen wie es ihr ging, kann ihr nicht böse sein. Trotzdem – oder gerade deshalb – entscheide ich mich in vielen Situationen bewusst anders. Eben weil ich weiß, wie mein Sohn sich heute vermutlich fühlt. Es ist als würde ich mir selbst manchmal auf die Schulter tippen und ernst anschauen. Nach dem Motto: Hey, so geht das nicht. Nimm Dir mehr Zeit, Dein Kind braucht Dich jetzt. Wir sollten viel öfter auf das Kind in uns hören.

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