Familie, Psychologie

Oma ist tot – wenn Kinder trauern

Kinder gehen auf eine ganz eigene Art mit dem Tod um.

Samstagmorgen. Ich habe schreckliche Kopfschmerzen, das wird wieder so ein Migränetag. Unfair . . . am Wochenende! Der Sohn hat sich neben mich gekuschelt. Ganz leise, weil ich das Gesicht so schmerzvoll verzogen hab‘ zur Begrüßung. Gleich wird es besser sein – muss es einfach! Schließlich habe ich Moma (so heißt unsere Oma – meine Mama) versprochen, gleich im Pflegeheim vorbeizuschauen. Das Handy klingelt, ich schaffe es nicht rechtzeitig zu antworten. Samstagmorgens! Wer ruft da schon an?

Anrufe von Pflegeheim oder Kita bedeuten nie etwas Gutes

Mist das Pflegeheim. Das fühlt sich genauso an wie ein Anruf aus dem Kindergarten am späten Nachmittag, kurz bevor man das Kind abholt. Das Herz rutscht mir in die Hose und ich rufe zurück, als ich in der Küche stehe. Der Rest klingt nur noch dumpf im Kopf. „Es tut mir sehr leid. Ihre Mutter ist gerade verstorben.“ Der Boden unter meinen Füßen ist weg! Lautlos weine ich, das Kind kuschelt ja noch im Bett und soll nichts hören. Also verspreche ich gleich vorbei zu kommen und verstecke mich im Bad.

Ich bin alleine mit Kind – natürlich. Wer hilft mir jetzt? Die beste Freundin geht sofort ran. Anrufe vor 9 Uhr morgens am Wochenende heißen nie etwas Gutes. Ich kann nichts sagen aber sie weiß sofort Bescheid, packt ihre Kinder – meine Patenpuschel – und fährt los.

Unsere Oma ist tot

Filmriss – oder so etwas Ähnliches … Es sind fast drei Monate vergangen seitdem. Meine Mama ist tot. Wirklich? Ich kann es immer noch nicht glauben. Jeden Tag denke ich an sie. Manchmal weine ich aber nicht so viel wie ich müsste. Manchmal lache ich ganz plötzlich, weil mir die verrückte Frau einfällt. Unsere Oma ist tot. Die Frau, die mein Kind immer Moma nannte, weil sie eben genau das war – Mama und Oma zugleich. Und mein Kind ist traurig. Sehr sogar. Aber ganz anders als ich.

Trauer ist immer etwas ganz Persönliches. Der Schmerz fühlt sich für jeden anders an, jeder geht anders damit um. Und Kinder trauen ganz anders als Erwachsene. Ihre Traurigkeit kommt in Schüben. Bei dem Kind meines Lebens lief es bisher so:

Erste Reaktion: Lachen

Schub 1: „Du machst doch Witze!“

Ich komme gerade aus dem Pflegeheim und habe mich von ihr verabschiedet. Jetzt muss ich es sagen. Seine Reaktion: Er lacht und fragt: „Du machst doch Witze!“ Und dann weint er und weint und weint.

Schub 2: Lass uns spielen und übrigens: Meine Oma ist jetzt unter der Erde

Im Kindergarten ist jetzt der Tod ein Thema. Alle kannten Moma und das Kind spricht von ihr – auch in vermeintlich unangebrachten Situationen. Ganz plötzlich erzählt er im Spiel mit fast angeberischer Stimme, dass seine Oma ja tot ist und Uroma, Uropa und alle Vorfahren übrigens auch. Für ihn dreht sich jetzt alles um Gräber, Verbrennung, Verwesung und „Der Tot dauert wirklich viel zu lange“. Oje.

„Ich will meine Oma sehen, sofort!“

Schub 3: Wir regeln die Angelegenheiten

Wenn jemand stirbt, muss man funktionieren und Formalitäten erledigen. Ich konnte das nicht immer vom Kind fernhalten und bei manchen Dingen wollte ich ganz bewusst, dass mein Sohn dabei ist. Den Baum im Friedwald suchen wir deshalb gemeinsam aus. Der Förster und ich erklären ganz genau, wie Oma dort bei der Buche begraben wird. Der Sohn findet es sehr gut aber als wir zurück auf dem Parkplatz sind, will er seine Moma sehen. „Sofort!“ Ich erkläre behutsam, dass das nicht mehr geht – die Einäscherung war ja bereits. Er ist gelinde gesagt stinksauer. Ich hätte sie gefälligst einbalsamieren lassen sollen! Dann könnte er sie immer sehen, weil sie jetzt eine Mumien-Moma wäre, so wie bei den alten Ägyptern! Er hat so Recht, sie hätte eine königliche Zeremonie verdient. (Und Danke „Was ist Was?“, tiptoi & Co. – Das Kind weiß zu viel) Ich drücke ihn, bis er sich beruhigt.

Kind legt Blüten auf das Wasser.

Zum Abschied schickt das Kind Blumen über den Rhein.

Schub 4: Tschüss, Oma

Das Kind hat einen Plan. Es will sich verabschieden und zwar mit Blumen. Im Friedwald ist Blumenschmuck nicht erwünscht. Also nimmt das Kind etwas Taschengeld und schaut beim Blumenmädchen vorbei. Die Blüten wirft er in den Rhein und winkt hinterher.

Horrornächte und schöne Erinnerungen

Schub 5: Die Alpträume kommen

Das Kind hat ein paar richtig schlimme Nächte. Moma stirbt auf schreckliche Arten. Immer und immer wieder. Der reinste Horror.

Schub 6: Wir erinnern uns

Es war richtig schön mit unserer Moma und das Kind erzählt mir ganz viel. „Sie war wirklich eine tolle Frau, Mama.“ Wer ist dieser kleine, große Mensch? Wir lachen, das ist schön.

Wo kommen die Tränen her?

Schub 7: Es tut weh

Die Sonne scheint, wir sitzen im Auto, das Kind trägt eine Sonnenbrille. Plötzlich fließen dahinter Tränen. Ich bin entsetzt, will wissen, warum er plötzlich weint. „Na, wegen Moma…“. Er tut mir so leid. Ob ich etwas tun kann? „Das brauchst du nicht…“ Wir sind uns einig: Manchmal muss man einfach weinen. Das ist okay. Ich halte einfach seine Hand.

Botschaften aus dem Jenseits

Schub 8: „Haste mal ‚nen Euro?“

Das Kind geht jetzt mehrmals pro Woche in die Kirche. Ich muss ihm 50 Cent oder einen Euro geben. Dann stapft er die Stufen hinauf, um oben in der Kirche ein Lichtlein für seine Oma anzuzünden. Manchmal lächelt er und sagt: „Heute habe ich ihr ein sehr schönes Gebet geschickt.“

Schub 9: Eine Botschaft

Moma hört und sieht alles und deshalb schickt das Kind ihr Botschaften. Er fängt große Pollen, versieht sie mit lieben Wünschen und schickt sie weiter. Oft rennt er die ganze Straße entlang, um eines der zarten Dinger zu erhaschen. Wie Momas Nachrichten lauten, verrät er nicht. Er lächelt nur sein weises Lächeln.

Es sind erst ein paar Wochen und unsere Gefühle werden noch lange durcheinander sein. Mehr Schübe werden kommen.

♥♥♥

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