Dies & Das, Gesellschaft

Nennt mich nicht Neger!

Man beschimpft Kinder nicht als Neger.

Es war 1985 und ich war fünf. In meiner Cord-Latzhose stand ich bei meiner Kinderfrau Heidi in der Küche, hatte Riesenhunger und dringenden Redebedarf. „Was heißt eigentlich ,du Negersau?‘“, wollte ich wissen. Mehr als 30 Jahre ist es her, dass Heidi fast alles aus dem Gesicht fiel und sie am nächsten Tag in den Kindergarten stampfte und von den ratlosen Erzieherinnen verlangte, dass man mich vor solchen Beleidigungen gefälligst schützen sollte. Wirklich erklärt hatte Heidi mir übrigens nicht, was mir die Grundschüler aus der Nachbarsiedlung da an den Kopf geworfen hatten. Wie auch? Nur so viel: Niemand sollte mit dem Finger auf mich zeigen. Fremde sollten nicht einfach meine Haare anfassen. Und niemand sollte mich Neger nennen. (Ich benutze dieses Wort an dieser Stelle übrigens nur, weil es eben genau darum geht.)

Von Negerprinzessin bis Negerschlampe

Aber ich bin als Tochter einer Deutschen und eines Nigerianers in den 1970ern geboren und in Deutschland aufgewachsen – teilweise in einer deutschen Kleinstadt. Neger hat man mich ziemlich oft genannt, sogar noch im Berufsleben. Als ich mit 20 beispielsweise für die Zeitung zum Fußballtermin fuhr und der Platzwart nach meiner Vorstellung erleichtert zum Fotokollegen sagte: „Und ich dachte schon, du wärst jetzt mit einer Negerin zusammen!“ Als ich als Teenager bei meinem besten Freund anrief und sein großer Bruder durchs Haus brüllte: „Die Negerprinzessin ist dran!“ Und auch als ein bekennender Nazi mich und meinem damals Zweijährigen auf der Straße als „Negerschlampe mit Bastard“ beschimpfte.

Neger bedeutet nie etwas Gutes und es ist niemals wertfrei

Immer wieder habe ich in meinem direkten Umfeld mehr oder weniger intensive Diskussionen über Rassismus und Sprachgebrauch geführt. Und so viel steht fest: Nur Menschen, die das Wort „Neger“ selbst verwenden, haben kein Problem damit. Sie rechtfertigen das so: „Das hat man zu meiner Zeit nunmal gesagt.“ Oder: „Das ist ja gar nicht böse gemeint.“ Oder: „Lächerlich! Kein Mensch denkt bei nem Negerkuss an eine Beleidigung.“ Oder: „Diese ewige politische Korrektheit nervt.“ Meine Meinung ist dazu ganz klar: In dem Moment, in dem sich jemand durch einen Begriff gekränkt fühlt, ist dieser tabu. Das Wort Neger bedeutet niemals etwas Gutes und es ist niemals wertfrei. Warum ich mir da so sicher bin? Niemand, der schon einmal als „Neger“ bezeichnet wurde, mochte das. Niemand, der es sagt, möchte selbst so genannt werden.

Das Wort entwertet, es kränkt und beleidigt. Es macht traurig und wütend. Es kategorisiert, beschämt, macht fassungs- und hilflos. Und deshalb heißt es im Duden zu Recht: „Die Bezeichnung (…) gilt im öffentlichen Sprachgebrauch als stark diskriminierend und wird deshalb vermieden.“

Sprache ist auch eine Frage von Respekt

Ich hätte eigentlich nicht gedacht, dass ich mich als Mutter auch einmal mit diesem Thema befassen würde. Wir leben im Jahr 2018. Dinge ändern sich. Oder? Ja, mag sein, allerdings sehr langsam. Seit ich Mutter bin, werde ich mit völlig neuen Auswüchsen von Rassismus konfrontiert. Etwa als die Frau erst mich und dann das Baby im Kinderwagen musterte und kommentierte: „Da ist aber nichts Weißes mehr drin.“ Wir leben offenbar in einer Zeit, in der Politiker (oder ihre Mitarbeiter) über junge Menschen als „Halbneger“ twittern. Dafür ernten sie zwar Kritik aber eben auch sehr viel Applaus – und Wählerstimmen.

Als Mutter macht mich das Thema anders betroffen. Was ich und unzählige andere erlebt haben, will ich meinem Sohn unbedingt ersparen. Was wir zu einander sagen und wie wir kommunizieren sagt etwas über unsere Haltung aus. Sprache ist immer auch Ausdruck von Respekt. Also nennt mich nicht Neger – und mein Kind schon gar nicht. Es ist nicht in Ordnung, aus bloßer Gewohnheit an rassistischen Begriffen aus einer mehr als zweifelhaften Vergangenheit festhalten. Zeiten ändern sich, Sprache auch. In diesem Sinne: Reden wir drüber.

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