Dies & Das

Indoor-Spielplätze sind das Tor zur Hölle

Der beste Platz auf dem Spielplatz ist die Bank.

Eltern wissen: Das Tor zur Hölle liegt inmitten kindlicher Glückseligkeit – in einem Indoor-Spielplatz. Ich war am Wochenende da, habe die Klänge des Bösen gehört. Ich habe das Grauen gesehen – und überlebt. Einem Zwei-Euro-Stück sei Dank.

* Obacht: Dieser Text enthält Ironie und Übertreibungen

Ich erinnere mich dunkel an meine Samstage ohne Kind. Vor 11 Uhr morgens machte ich die Augen nicht auf. Meine Füße schmerzten von einer durchtanzten Nacht auf sehr, sehr hohen Schuhen. Neben dem Bett lag ein Rest vom Döner und wenn’s gut lief eine angefangene Packung Ibuprofen.

Heute ist alles anders. So viel besser. Natürlich, denn ich habe ein Kind. Um 7.30 Uhr werde ich geweckt. Liebevoll . . . Kleine Finger bohren sich unnachgiebig in mein Fettgewebe. Unverzüglich und hoch motiviert begrüße und preise ich den Tag mit Ayurveda-Tee, frisch gepresstem Smoothie und einem Was-ist-Was Hörspiel. Ehrlicherweise wird dies gerne auch ersetzt durch Kaffee, Nutella-Brot, KIKA und Couch. Aber es bleibt bei 7.30 Uhr.

Auch wenn diese Samstage nichts mit früher gemein haben, sie könnten entspannt sein. Könnten, wenn mein Sohn nicht – ganz anders als ich – ein ausschweifendes, soziales Leben hätte. Wir machen uns also fertig. Das wesentliche Programm des Tages: Die nahegelegene Grundschule auf ihre Tauglichkeit prüfen, denn der Sohn hat beschlossen, bald erwachsen zu sein und mich nicht mehr zu brauchen (Unverschämtheit). Doch mindestens so bewegend wie die Einschulung im kommenden Jahr ist der Kindergeburtstag am Nachmittag. Der ist aus Elternsicht gleich mehrfach schrecklich.

6 Dinge, die garantieren, dass andere Eltern den Geburtstag Deines Kindes hassen

  1. Es gibt einen Geschenketisch samt Einkaufsliste in einem Kaufhaus und das günstigste Geschenk kostet 21,50 Euro, das teuerste 89 Euro (kein Witz). Das ungeschriebene Gesetz „Kindergartengeschenke sollten nicht mehr als zehn Euro kosten“ kennt die Familie offenbar nicht.
  2. Die Mutter des Geburtstagskindes hat sich mit Nachdruck gewünscht, dass jedes Kind von mindestens einem Elternteil als Aufsichtsperson begleitet wird. Wer also gehofft hat, mal ein paar Stunden kindfrei zu haben, kann das getrost knicken.
  3. Gefeiert wird in der Nachbarschaft – eine halbe Stunde Autofahrt entfernt.
  4. Die Geburtstagslocation wurde auch von mindestens 30 anderen Eltern für diesen Tag angemietet.
  5. Du verbringst die ganze Nacht in der Küche, um eine Geburtstagstorte zu zaubern, die alles Dagewesene in den Schatten stellt. Natürlich behauptest Du lächelnd, dass dich Backen unheimlich entspannt.
  6. Die Party steigt in einem INDOOR-SPIELPLATZ, dem Tor zur Hölle.
  7. Dein Kind ist begeistert und fragt, ob es auch hier feiern kann.

Indoor-Spielplätze riechen nach Weichmachern und kleinen Käsemauken

Jetzt bin ich also hier. Der Spätsommer meint es gut an diesem Wochenende. Ist aber egal, denn drinnen merken wir nichts von den angenehmen 23 Grad Außentemperatur. In der Halle – ich will raus – ist die Temperatur deutlich höher. Dafür liegt der Zarte Duft von Weichmachern, kleinen Käsemauken und Kinderschweiß in der Luft. Gefühlt 1000 Kinder rennen und springen herum oder werfen sich todesmutig von meterhohen Hüpfburgen. „Das sind die Bandscheibenvorfälle von morgen“, denke ich bei jedem Sturz. Aber den Jungen und Mädchen scheint das nichts auszumachen. Sie vollführen überglücklich Hochleistungssport, der die Eltern insgeheim hoffen lässt: Wenigstens sind die heute Abend alle richtig müde. Natürlich wissen wir, dass es anders kommen wird. Diese Kinder sind 5 und 6 Jahre alt. Wir sind also alle nicht mehr ganz neu im Elterngeschäft.

Die Aufsichtspersonen sitzen gemeinsam an einem Gruppentisch. Natürlich passen wir nicht wirklich auf unsere Kinder auf. Wir leiden unter akuter Reizüberflutung: Die grellen Farben um uns herum überfordern uns, genauso wie die Geräuschkulisse. DAS sind keine zarten Engelsstimmchen. Ausgelassenes Lachen wechselt sich ab mit ausdauerndem Kreischen. Ich fühle mich an die Landebahn vom Airport Frankfurt erinnert. Natürlich habe ich keine Ohrstöpsel dabei, mein Tinnitus lässt grüßen. Aber ich bin tapfer. Ich unterhalte mich mit meinen Tischnachbarn über Schule, Kita, Essgewohnheiten, andere Eltern, Urlaub mit Kindern – die Themen stehen jenen auf dem Outdoor-Spielplatz wirklich in nichts nach. Allerdings schreien wir uns an, um den anderen zu verstehen.

Ein Sessel für den Kampf gegen das Böse 

Nach zwei Stunden, vier Tassen Kaffee, etlichen Gummibärchen und einem überdimensionierten Stück der unanständig perfekten Dinosaurier-Torte kann ich nicht mehr. Die Kinder drehen immer weiter auf. Keine Frage, wer hier der Stärkere ist. Ich gebe auf und flüchte mich in einen von sechs Massage-Sesseln. Den wachsamen Blick auf das Riesen-Trampolin gerichtet, auf dem das Kind zwischen etwa 20 anderen Gleichaltrigen wild umherspringt. Ich denke nur: Wer kommt auf die schwachsinnige Idee, hier solche Sessel aufzustellen? Wer wirft da außer mir ernsthaft zwei Euro rein? Das Kind da mit dem grünen T-Shirt ist meins.

Die Lehne legt los und knetet meinen Rücken und Nacken. Wow, was so ein Sessel kann. Oh ja, genau da. Nach fünf Minuten höre ich das Gebrüll kaum noch. Ich wehre mich dagegen, dass meine Augen zufallen. Aufpaaaaassen, Aufsichtspflicht . . . Das Kind da hinten in dem grünen T-Shirt ist meins. Nach neuneinhalb Minuten: Ich bin tiefenentspannt. Das Kind . . . mit dem grünen T-Shirt . . . WER IST DAS?

Ich brauche so einen Sessel! Dann gewinne ich jeden Kampf gegen das Böse! Startet mal schön entspannt in die Woche.

♥♥♥