Dies & Das

Ich habe HartzIV bekommen und fand’s super – für ein paar Wochen!

Dank Arbeitslosengeld II Zeit zum Entspannen

Was wissen Politiker darüber, wie es sich anfühlt, auf Arbeitslosengeld II angewiesen zu sein? Wahrscheinlich wirklich absolut gar nichts. Weiß ich es? Ein bisschen. Denn auch ich habe in meinem Aktenschrank einen Ordner mit der Aufschrift „JobCenter“.

HartzIV war eine prägende Erfahrung

Ich mag diesen Ordner nicht. Er ist trist und grau – aber zum Glück sehr schmal. Warum war ich auf diese Leistung vom Staat angewiesen? Als mein Sohn ein Jahr alt war, bekam ich ein Angebot für eine Festanstellung. Freunde und Familie rieten mir allesamt dringend: „Mach‘ das unbedingt! Du hast jetzt alleine Verantwortung für ein Kind! Du brauchst Sicherheit!“ Ich unterschrieb den Vertrag. Der Job war genau mein Ding, ich hatte viel Projektverantwortung, eine spannende Aufgabe, ich durfte vieles neu entwickeln und hatte tolle Kollegen.

Doch dann passierte das, womit niemand gerechnet hatte: Mein Projekt wurde eingestampft. Für mich der Supergau – denn ich hatte einen projektbezogenen Vertrag für genau fünfeinhalb Monate. Also kein Anspruch auf Arbeitslosengeld I, das gibt es nämlich erst nach einem Jahr. Ich war geschockt. Vor der Festanstellung und Elternzeit war ich bereits selbstständig und eigentlich immer zufrieden, auch wenn ich sehr viel gearbeitet hatte. Würde ich das wieder hinbekommen? Würde ich Kunden (zurück-) gewinnen? Für mich war klar, ich will zurück in die Selbstständigkeit. Wenn ich es sicher haben und etwas richtig erledigen will, mache ich es eben am besten selbst . . . Aber von 0 auf 100 ging einfach nicht. Also meldete ich mich beim Jobcenter und beantragte HartzIV. Eine wichtige Erfahrung.

6 Dinge, die du weißt, wenn du Arbeitslosengeld II bekommen hast

1. Du bekommst Geld, ohne zu arbeiten

Ist so! Und ganz ehrlich: Selten war ich so entspannt. Natürlich standen Behördengänge auf dem Plan und Anträge mussten ausgefüllt werden aber ich hatte auch mal Zeit und vor allem Muße für ein Buch. Das Geld für die Miete und den Lebensunterhalt kam pünktlich, ohne dass ich etwas tun musste. Der Staat übernahm Verantwortung für mich. Ein Grund ruhiger zu schlafen. Na ja, wenn mein Einjähriger durchgeschlafen hätte . . .

2. Hilfe zu bekommen, ist keine Schande

Inzwischen sind wohl die meisten Menschen in ihrem Leben mal arbeitslos – oder zumindest davon bedroht. Firmen bauen Stellen ab, es gibt unzählige befristete Verträge und, und, und. Für Selbstständige oder zum Beispiel auch Künstler führt der Weg deshalb meist ohne Umwege zu Arbeitslosengeld II – also Hartz IV. Dafür muss sich niemand schämen. Trotzdem fiel es mir schwer, auf Hilfe angewiesen zu sein.

3. Die Mitarbeiter vom Jobcenter sind echt nett

Als ich das erste Mal zum Jobcenter musste, fühlte sich das an wie ein ganz, ganz schreckliches Vorstellungsgespräch, gepaart mit einer Matheklausur, Montagmorgen und Beerdigung. Meiner Nervosität und das schreckliche Gefühl „Ich will was von denen und die überhaupt nichts von mir“ schlugen mir auf den Magen. Die Lösung: sehr viel Freundlichkeit, gute Vorbereitung und vermeintliche Professionalität. Ich benahm mich wie im Job. Also: gepflegte Kleidung, gut sortierte Unterlagen – penibel in einem Ordner abgeheftet, ein Stift und ein Notizblock. Das kam extrem gut an. Alle waren wirklich sehr nett, geduldig und hilfsbereit.

4. Vom Jobcenter gibt’s viel – aber nicht unbedingt einen Job

Stimmt leider. „Sie könnte ich sofort vermitteln.“ Das hörte ich schnell und es tat gut. Allerdings hatten die Jobs so gar nichts mit meiner bisherigen Erfahrung zu tun. Auch blöd, dass man ein abgeschlossenes Volontariat partout nicht im System als Qualifikation eintragen konnte. Hätte ich mal was Anständiges gelernt . . . Wir einigten uns also schnell darauf, dass ich mir lieber selbst was suche, beziehungsweise wieder als Freie durchstarte.

5. Spätestens nach drei Monaten macht das Jobcenter Stress – und zwar richtig

Ungefähr nach acht Wochen trudelten stapelweise Stellenangebote bei mir ein, auf die ich mich bewerben sollte. Gepaart mit der Androhung andernfalls keine Leistungen mehr zu erhalten. Eine klare Ansage. Doof nur, dass die Stellen so gar nicht passten und ich befürchtete, mich grundsätzlich in der Arbeits- und Medienwelt lächerlich zu machen. Ich bewarb mich also nicht als technischer Redakteur, stellvertretender Chefredakteur in einer Sportredaktion und auch nicht auf die Stelle als Redakteur mit perfekten Spanischkenntnissen (nichts davon kann ich). Immerhin, überall stand was mit Redakteur in der Ausschreibung. Meine perfekt vorbereiteten Bewerbungsunterlagen speckte ich also ab und nutzte sie für weitere Akquise. Es funktionierte, ich schrieb fleißig Rechnungen und konnte mich nach knapp drei Monaten beim Jobcenter abmelden.

6. Ich will kein HartzIV

Für kurze Zeit hat es mir eine Verschnaufpause verschafft. Das soziale Netz hatte mich aufgefangen. Gut zu wissen, dass das im Ernstfall klappt. Noch besser fühlt es sich für mich aber an, den Alltag selbst zu wuppen. Ich kenne Geldsorgen, umso glücklicher macht es mich, wenn es unserer Mini-Familie gut geht, weil ich das Geld nach Hause bringe.

♥♥♥

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