Familie, Psychologie

Kinder von Alleinerziehenden: raus aus der Schublade!

Alleinerziehende und ihre Kinder meistern den Alltag oft ziemlich bavourös.

Schluss mit den ständigen Beurteilungen!

Politikunterricht, irgendwann Anfang der 1990er Jahre. Mein Lehrer referiert über Jugendliche, ihre Probleme und Verhaltensauffälligkeiten. Es geht darum, wie Teenager auf die schiefe Bahn geraten. Plötzlich werde ich hellhörig, denn der Mann hat da eine ganz klare Meinung. Offenbar gibt es Mädchen und Jungen, die besonders gefährdet sind: Kinder von Alleinerziehenden. Gründe dafür liefert mein Politiklehrer auch gleich. „Das sind Schlüsselkinder . . . Sie werden nicht ausreichend betreut und sind Schulversager . . . Sie rauchen und nehmen Drogen . . .“ SOOOO!

Es ist offensichtlich: Der Mann hat wie jeder seiner Kollegen „Christiane F. Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ gelesen. Ich auch. Allerdings wäre mir nie eingefallen, dass mir eine harte Drogenkarriere, Beschaffungskriminalität und ein Leben auf dem Strich bevorstehen. Meine Zukunft hatte ich mir nämlich gänzlich anders vorgestellt. Am Abend habe ich akuten Klärungsbedarf mit meiner Mutter. Sie auch – mit meinem Lehrer. In einer sehr engagierten Unterhaltung erklärt sie am nächsten Tag, dass

  1. sie weder Kosten noch Mühen scheut, damit ich von einer liebevollen Kinderfrau umsorgt werde, während sie arbeitet
  2. sie immer ein offenes Ohr für mich hat und viel, freie Zeit mit mir verbringt
  3. ich eine ziemlich gute Schülerin bin
  4. ich eines der wenigen Kinder der Klasse bin, das noch nicht raucht.
  5. PUNKT.

Normalfamilien versus Alleinerziehende

Das ist eine Ewigkeit her. Seitdem hat sich viel geändert, oder? Na ja. Noch immer kursieren viele Vorstellungen davon, wie Kinder von Alleinerziehenden sind, was ihnen fehlt oder wie sie sich anders entwickeln als Kinder, die in der Obhut von zwei Elternteilen groß werden. Teilweise werden diese Annahmen von Psychologen, Soziologen und diversen Wissenschaftlern gestützt.

Ein Beispiel fand ich in einem alten Spiegel-Artikel. Da ging es um eine Langzeitstudie des renommierten Familienforschers Kurt Kreppner. Der Entwicklungspsychologe verglich unter anderem „Normalfamilien und Alleinerziehende“ und Letztere kamen nicht gerade gut weg. Da ging es beispielsweise um Mütter, die zu sehr die Freundin ihrer Töchter sein wollten. Jahrelang besuchte Kreppner die Familien und stellte fest: Die alleinerziehenden Frauen versuchten doch tatsächlich, frisch auszusehen, während Normalfamilien-Mütter deutlich gealtert daherkamen. Kinder von Alleinerziehenden übernahmen (zu) viel Verantwortung. Andererseits hätten gerade Jugendliche viel zu viele Freiheiten, weil die Eineltern arbeiten gingen. Außerdem gäbe es zu wenige Reibungspunkte und Streitereien, die aber gerade in der Pubertät enorm wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung seien, so die Beobachtung des Wissenschaftlers.

Hier geht’s zum Text auf Spiegel Online

Teamarbeit von Kindern und Eltern

Aha. Ich stelle mir gerade vor, wie es bei meiner Mutter und mir ausgesehen hätte, wenn ein Professor mit seinem Team bei uns in der Dreizimmer-Wohnung aufgetaucht wäre, um zu schauen, wie unser Familienleben so abläuft. Wir hätten uns ausgiebig und furchtbar darüber gezofft – von wegen Reibung –, wer denn nun das Bad putzt, den Kaninchenstall übernimmt und dass ich gefälligst sofort meinen Ton ändern soll. Ich hätte geflucht, Türen geknallt und dann das Bad geputzt, den Kaninchenstall gemacht und meine Mutter in den Arm genommen, während sie zu Nina Simone aufgeräumt und später Bohnen-Eintopf gekocht hätte. Für den Herrn Professor und sein Team. Und dann hätte Mama sich noch aufgehübscht, damit man ihr die Erschöpfung nicht so angesehen hätte.

Familien mit Power

Einelternfamilien haben viel Power.

Wir hätten den Wissenschaftlern schon gezeigt, was wir Zwei drauf haben. Dass wir ein Power-Team sind, das keinen Mann/ Vater braucht. Wir wären die ideale Vorzeigefamilie gewesen. Zumindest hätten wir unserer Vorstellung davon entsprochen. Und der Professor und sein Team hätten uns das Gefühl gegeben, das wir das wirklich prima machen. Sie hätten die entspannte Atmosphäre genossen, weil die Stimmung in den anderen Familien ganz anders und anstrengend gewesen wäre. Denn da waren die Kinder frech, halfen nicht mit und man stritt sich ganz offen vor den Gästen. Das war irgendwie normaler und das hätte der Professor dann aufgeschrieben.

Dann wären die Wissenschaftler gegangen und irgendwann hätten sie eine Studie veröffentlicht und hätten unter anderem solche Sachen gesagt: Alleinerziehende lassen ihre Kinder zu sehr an der langen Leine. Jugendliche leiden unter der trügerischen Harmonie. Und überhaupt: Für die Kinder bleiben Eltern am besten zusammen. SOOOO!

Wir haben es so gut gemacht wie wir konnten – ziemlich gut!

Heute lese ich solche Dinge und denke: Ach herrje! Ja, ich war aus vielen Gründen oft traurig, dass meine Eltern nicht zusammen lebten. Aber sehr, sehr viel öfter war ich sehr, sehr froh – aus vielen Gründen. Inzwischen wünschte ich, meine Mutter und ich wären ein bisschen entspannter und normaler gewesen. Hätten wir uns bloß weniger darum gekümmert, was die anderen Leute so denken und sagen. Denn wenn wir mal ehrlich sind: Wir haben es so gut gemacht wie wir konnten. Und das war all die Jahre ziemlich gut. Ziemlich überragend sogar.

Bei allem Streit haben wir tatsächlich viel Wert darauf gelegt, dass es auch harmonisch zwischen uns ist. Weil es zwar wichtig ist, Streitkultur zu haben, viel Streit aber auch sehr unnötig an den Nerven zehrt. Alleinerziehende wissen, dass sie mit ihrer Energie haushalten müssen. Sie gehen Konflikten nicht immer aus dem Weg, auch sie wissen, dass diese zu Erziehung und Persönlichkeitsentwicklung gehören – aber sie priorisieren. Nicht jede Kleinigkeit braucht einen Wutanfall. Das merken auch irgendwann die Kinder (als Mutter eines Fünfjährigen hoffe ich das zumindest J). Von dauergenervten Mamas und Papas haben sie nämlich überhaupt nichts.

Mein Wunsch: Begegnet Kindern und alleinerziehenden Eltern ganz unvoreingenommen. Wenn etwas mal nicht richtig läuft, könnte es vielleicht auch einfach eine Persönlichkeitssache sein an den beteiligten Kindern, Männern und Frauen liegen. Das muss aber nicht gleich exemplarisch für eine ganze Lebensform sein. Ich jedenfalls möchte – wie alle anderen Mütter und Väter – nicht ständig beurteilt und in Schubladen gesteckt werden. Und für mein Kind will ich das schon gar nicht.

Also, seid nett und verständnisvoll miteinander, Ihr Menschen da draußen!

♥♥♥

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